fbpx

Blog | 23. Dezember 2020

Das Publikum im digitalen Wandel

Braucht Theater ein Publikum vor Ort? Welche Möglichkeiten gibt es, virtuelles Publikum in eine Theaterproduktion einzubeziehen? Silja Gruner, Dramaturgin vom auawirleben Theaterfestival Bern erklärt, wie Theater mit virtuellem Publikum funktionieren kann.

Silja Gruner, kann Theater ohne Publikum vor Ort überhaupt gelingen?

Aktuelle Bewegungen und neu kreierte Formate beantworten diese Frage: Ja, Theater kann mit virtuellem Publikum funktionieren.

Jedoch ist es für mich eine andere Form von Theater und eine andere, respektive medialisierte Ko-Präsenz des Publikums. Vielleicht müssen wir deshalb auch nach neuen Begrifflichkeiten suchen. Theater mit virtuellem Publikum muss für mich eines erfüllen: Die gleichzeitige Präsenz von Publikum und Darstellenden oder der Aufführung. Wenn schon nicht örtlich, dann zumindest zeitlich.

Hierbei würde ich eine Unterscheidung zu Videoaufnahmen von Theater machen. Diese können wir auch virtuell rezeptieren, aber es bleiben Aufnahmen von Theater und die Übersetzung ins digitale und die Aufführung ist bereits abgeschlossen.

Theater hat sich immer schon weiterentwickelt und ist in seiner Form nicht still gestanden. Auch vor den jetzigen Umständen hat es virtuelles Theater gegeben, bei dem die Zuschauer*innen an einem anderen Ort waren als die Aufführung. 

Gibt es Sparten, Genres, Theaterformen, bei denen ein virtuelles Publikum besser integriert werden kann?

Zum einen gibt es Formen, die tatsächlich mit der Virtualität arbeiten, diese also in ihre Produktionen auch inhaltlich miteinbeziehen. Zum anderen gibt es Formen, die interaktiv gestaltet sind und welche den Zuschauenden mehr Präsenz abverlangen. Aber das in Sparten und Genres einzuteilen, welche dafür besser geeignet sind, glaube ich, ist nicht möglich. Schlussendlich kommt es auf die Künstler*innen an und was diese spannend finden.

Welche Möglichkeiten gibt es, die Zuschauenden im Theater digital einzubeziehen? Welche neuen Ideen hast du hierfür in der letzten Zeit beobachtet? 

Da gibt es zum Glück sehr viele und sich ständig erneuernde Formen. Da war beispielsweise das Telegram-Theater, in dem ich mit anderen Mitspieler*innen Rätsel lösen musste. Oder die Theaterproduktion auf Zoom mit Umfragen an die Zuschauer*innen und anschliessender Auswertung. Eine Produktion, vollständig als Livestream für Instagram konzipiert oder dann bereits etwas klassischer: Der Livestream mit anschliessendem Gespräch.

Was können Kunstschaffende deiner Meinung nach tun, damit dem Publikum der soziale Faktor einer Theatervorstellung per Livestream nicht abhanden kommt? 

Als erstes ist es hier wichtig, dass diese Monsteraufgabe nicht nur den Kunstschaffenden zugeschrieben wird, sondern gleichermassen den Veranstaltenden. Aber wie – da habe ich keine abschliessende Antwort darauf. Klar, man kann immer versuchen, sich virtuell auszutauschen und auch neben der Aufführung Möglichkeiten anzubieten, wo das Publikum sich treffen kann. Aber das «Foyer-Gefühl» und das kurze Gespräch an der Bar, wenn du dein Bier bestellen willst, das lässt sich nicht digital reproduzieren.

Wie und wo siehst du das Theaterpublikum der Zukunft?

Ich glaube und hoffe fest, dass wir uns wieder vor Ort treffen können, die virtuelle Form von Theater hat seine Grenzen und das Bedürfnis Theater- und Tanzproduktionen live und in seiner Direktheit zu erleben, wird immer noch da sein. Die virtuelle Aufführung wird das nie ersetzen können. Aber ich glaube, dass diese Form sich trotzdem weiterentwickeln wird und ein Nebeneinander von verschiedenen Formen schon immer die Vielfalt von Theater ausgemacht hat.

Silja Gruner, Dramaturgin auawirleben Theaterfestival Bern, Foto: Nathi Jufer

Ein Fazit des Festivalleiters

Die Zeit ist reif für digitale Kultur

Interview mit Noëmi Lehmann

Virtual Reality im Theater

stream21 wird ermöglicht durch: