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Blog | 9. Dezember 2020

Der Tanz mit dem Digitalen

Was ändert sich, wenn Bühnenkunst in einen digitalen Raum verlegt wird? Was müssen Kunstschaffende und Publikum berücksichtigen, damit die Rezeption im Streaming-Format funktionieren kann? Wo liegen Chancen und Schwierigkeiten in der Digitalisierung bewegter Kunst? Diese Fragen haben wir auch der Tanzexpertin Prof. Dr. Christina Thurner gestellt. Sie lehrt am Institut für Theaterwissenschaften an der Universität Bern.

Frau Prof. Dr. Thurner, darf Bühnenkunst in einem Streaming-Format überhaupt noch als solche benannt werden?

Das ist eine komplexe Frage. Man müsste sich vielleicht fragen, ob der Begriff überhaupt ersetzt werden müsste, nicht nur in Bezug aufs Streamen. Auch site specific art gehört ja zum Gegenstand Tanz und findet streng genommen auch nicht auf einer «Bühne» statt, zumindest nicht im herkömmlichen Sinn. Ich würde darauf tendieren, von szenischen oder performativen Künsten zu sprechen. Darunter würde dann auch der Livestream fallen, wobei da freilich noch andere Aspekte virulent sind, wie beispielsweise die Medialisierung der Kopräsenz.

Was denken Sie: Kann Tanz im Streaming-Format funktionieren? Wo sehen Sie Potenzial? Wo liegen Schwierigkeiten? 

Ja, das kann funktionieren, aber anders, als wenn ich mich mit den Tanzenden in physischer Kopräsenz in einem Raum befinde. Das ist beispielsweise beim Genre Tanzfilm, in dem es künstlerisch extrem interessante Beispiele gibt, auch so. Ich würde also sagen, wenn Tanz das mediale Format Streaming ernst und vielleicht sogar produktiv nimmt, dann kann daraus etwas Interessantes entstehen. Wenn man einfach Vorstellungen abfilmt und streamt, ist das eher weniger gegeben, weil dann das mediale Format entweder nicht stimmt oder aber mitreflektiert werden muss. 

Was sagen Sie zur Digitalisierung der bewegten Kunst ganz generell? 

Für mich als Tanzwissenschaftlerin und vor allem als Tanzhistorikerin ist die digitale Aufzeichnung und Dokumentation natürlich ganz wichtig. Aber man muss reflektiert damit umgehen. Das digitale «Produkt» ist immer etwas Anderes als eine Liveaufführung vor Publikum. Es gibt da mediale und auch kinästhetische Differenzen. Diese muss ich berücksichtigen. Die Kunst kann diese produktiv machen, also damit spielen, oder aber ich muss sie dann bei der Betrachtung dazu denken. 

Inwiefern beeinflusst die digitale Entwicklung die Entwicklung des Tanzes? 

Das hat sie bereits seit der Verwendung von Film / Video auf der Bühne oder seit der Etablierung des Genres Tanzfilm als eigenes künstlerisches Genre. Anfänge reichen da in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts zurück. In den 1980er und 1990er Jahren gab es dann einen regelrechten Boom. Und inwiefern das Internet und die sozialen Medien die Künste beeinflussen (sie tun es garantiert) wird noch zu untersuchen sein.

Würden Sie sich Streaming mit Tanzinhalten online ansehen? 

Ja, gerne! Besonders in diesen Zeiten… Auch wenn ich es langfristig als Ergänzung und nicht als Ersatz zu Vorstellungen in physischer Kopräsenz betrachte.

Gibt es etwas, das Sie zum Thema Digitalisierung in der Bühnenkunst gerne noch ergänzen würden? 

In den letzten Monaten hat man beobachten können, wie gross das Bedürfnis der TanzkünstlerInnen ist, aktiv zu bleiben, auch wenn man nicht vor Publikum auftreten kann. Das finde ich extrem wichtig und unterstützenswert! Die Arbeiten, die entstanden sind, haben aber auch gezeigt, dass dies künstlerisch gesehen gar nicht so einfach und eine grosse, für viele neue Herausforderung ist. Die Zeit dafür war bisher noch relativ kurz, aber ich bin zuversichtlich: Wir werden da sicher in nächster Zeit Interessantes zu sehen bekommen!

Prof. Dr. Christina Thurner, Institut für Theaterwissenschaften an der Universität Bern

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