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Blog | 31. Januar 2021

Die Zeit ist reif für digitale Kultur

stream21 war eine Bestandesaufnahme: Wo steht die Bühnenkultur bezüglich Digitalisierung anfangs 2021?

Acht Programmteile aus den Genres Comedy, Literatur und Musik sowie eine Diskussionsrunde lieferten Einblicke, Versuchsmöglichkeiten und Gelegenheit zum Austausch.

Das Publikum ist bereit

Eines hat sich klar herauskristallisiert: Digitale Kultur kommt beim Publikum gut an. Besonders, wenn man die Stärken digitaler Kanäle nützt.

Bei vier Programmpunkten von stream21 konnten sich die Zuschauerinnen und Zuschauer vom heimischen Sofa aus via Handy mit einbringen. Mehr als die Hälfte der zugeschalteten Haushalte beteiligte sich jeweils daran, so dass die Setlist von Ueli Schmezer’s MatterLive in spannenden Foto-Finish-Abstimmungen mitbestimmt und der Schiedsrichter beim Theatersport mit einer Fülle von Inputs arbeiten konnte.

Die Zuschauerinnen und Zuschauer waren begeistert, das Geschehen auf der Bühne mitgestalten zu können. Bei den Acts, wo dies nicht vorgesehen war, wurde diese Möglichkeit vermisst, wie die in grosser Anzahl eingegangenen Rückmeldungen nach dem Festival zeigen.

Dass der Input aus den eigenen vier Wänden erfolgen konnte, dürfte dabei eine wichtige Rolle gespielt haben. Die Hemmungen fallen weg, die einen daran hindern können, mitten aus einer Zuschauermenge einen Input in Richtung Bühne zu rufen.

Dazu passt die im Talk erzählte Erfahrung des Zürcher Schauspielhauses: der digitale Weg öffnet Türen zur Kultur, die vorher verschlossen geblieben sind. Wer sich scheut, in die Oper oder ins Theater zu gehen, findet per Stream einen Einstieg, der leichter fallen mag. Auch gibts keine geographische Hürden, womit Interessenten einen Anlass auf digitalem Weg besuchen können, welchem sie sonst ferngeblieben wären.

Eine Herausforderung für Kulturschaffende

Während die Zuschauenden auf der Couch fläzen können, ist die Ausgangslage für die Künstlerinnen und Künstler herausfordernder. Ein Aufritt ganz ohne Publikum ist ein Erlebnis, das wenig Freude bereitet, wie der Diskussionsrunde und den Gesprächen im Backstage einhellig zu entnehmen war. Nach der Pointe lacht niemand. Nach dem Song applaudiert keiner. Es fehlt all das, was den Auftritt auf der Bühne prickelnd macht.

Doch der anonyme Livestream von heute ist nur der unbeholfene Anfang einer Entwicklung, die gerade erst richtig losgeht. Da es letztlich das dem Digitalen offenbar nicht abgeneigte Publikum ist, welches über Erfolg oder Misserfolg einer Bühnenproduktion entscheidet, werden darum neue Auftrittsformen gefunden werden müssen.

In näherer Zukunft dürften wir verschiedene Varianten von Mischformen zu sehen bekommen: Auftritte mit Interaktion sowohl von einem Publikum vor Ort wie auch zeitgleich von Zuschauenden per Stream. Oder Theaterstücke, die eine Nebengeschichte als Video weiterleben lassen. Weiter in die Zukunft geschaut bietet Virtual Reality unendliche Möglichkeiten zur virtuellen Begegnung, die heute noch wie Science Fiction scheinen, aber unweigerlich zur Realität werden.

All dies wird von Kulturschaffenden erfordern, neue Disziplinen zu erlernen. Während heute bereits die Einrichtung von Licht, Kamera und Mikrofon für einen Auftritt per Zoom eine Herausforderung darstellen kann, wird das technische Verständnis zukünftig noch mehr gefragt sein.

Auch organisatorisch wird sich die Welt für Künstlerinnen und Künstler verändern. Die Eigenheit der Digitalisierung, Mittelsmänner unnötig zu machen hat in der Kultur zur Folge, dass Comedians oder Musikerinnen direkt ihre Fans erreichen können. Der Veranstalter dazwischen ist nicht mehr zwingend nötig.

Jetzt ist die Zeit, aktiv zu werden

Die Digitalisierung der Kultur wird nach der Pandemie nicht einfach wieder verschwinden. Das Publikum ist auf den Geschmack gekommen.

Die ganze Branche ist gefordert, diese Entwicklung ernst zu nehmen und sich damit auseinanderzusetzen. Ansonsten droht der Netflix-und-Amazon-Effekt: Einige wenige Grosse, die den Geist der Zeit erkannt haben, dominieren, während die anderen verdrängt werden.

Noch besteht die Chance, es besser zu machen und aus den Fehlern anderer Branchen zu lernen. Das Grundrezept lautet: früh beginnen, die Bedürfnisse des Publikums kennenlernen und ernstnehmen, experimentieren und adaptieren. Und dabei von Beginn weg Geld für die eigenen Inhalte verlangen.

Wie sagte Müslüm zum Abschluss des Festivals? «Don’t dream. Stream!»

Manuel Reinhard, Gesamtleiter von stream21 und Geschäftsführer von Ticketpark

Interview mit Noëmi Lehmann

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