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Blog | 7. Januar 2021

Drei Stream-Konzerte im Vergleich

Ein Erfahrungsbericht aus dem stream21-Team

Der Jahreswechsel wird oft musikalisch begangen, viele Stars treten traditionell am Silvesterabend auf. Aufgrund der Pandemie war dies vergangenes Jahr nicht im gewohnten Stil möglich. Einige Kunstschaffende setzten darum auf digitale Livestream-Konzerte.

Wir haben uns die Shows der Glam-Rock-Band Kiss, des Teenie-Idols Justin Bieber und des Elektro-Pioniers Jean-Michel Jarre angesehen. Es waren drei Shows aus drei verschiedenen Welten, welche aufzeigten, wie unterschiedlich man digitale Kanäle nützen kann. Und es sind alles Künstler, die nicht auf unseren alltäglichen Playlists auftauchen. Wir erachten dies hier als Vorteil, da uns keine Fan-Gefühle die objektive Sicht vernebeln.

Die Altrocker

«Kiss 2020 Goodbye» lautet der Titel der pomöpsen Show, welche die Rockband Kiss in Dubai produzierte. Alles musste gross und grösser sein. Das begann bereits bei den Preisen. Unter $39 gab es keine Liveshow zu sehen. Wer noch exklusive Souvenirs zugeschickt bekommen wollte, konnte sogar bis zu $1000 bezahlen.

Nicht geknausert wurde auch bei der Bühne, die aus zwei normalerweise separat tourenden Setups der Band zusammengestellt wurde. So knackte die Band an jenem Abend dann auch zwei Pyro-Weltrekorde: Jenen für die höchste in die Luft geworfene Flamme an einem Konzert (mit 35 Metern) sowie den für die meisten gleichzeitig gezündeten Flammen (75 Stück). Insgesamt wurde Feuerwerk im Wert von einer Million Dollar in die Luft geballert, was für ein fulminantes Finale sorgte – zumindest vor Ort für die auserwählten Zuschauer, die auf den Balkonen im Hotel gegenüber der Bühne mitrockten. Auf dem Bildschirm wirkte das Feuerwerk leider nur halb so spektakulär.

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Bei diesem Konzert zeigte sich, dass die Band sich nicht auf die veräderten Umstände einzustellen vermochte. Zwar wurde das Streaming-Publikum immer wieder aktiv angesprochen und gar zum Mitsingen und Mittanzen animiert, doch die Bühnenshow folgte ansonsten klassischen Stadionrock-Rezepten. Ohne das Wissen, dass die Show live übertragen wird, hätte es sich um eine beliebige Aufnahme irgendeines spektakulären Rockkonzerts handeln können. Vorteile eines Livestreams, wie beispielsweise Interaktivität mit den Zuschauern oder eine optische Umsetzung, die nur am Bildschirm funktioniert, wurden keine genützt. Es machte bisweilen den Eindruck, als habe man mit einem veralteten Mindset das grosse Budget mit Prioritäten ausgegeben, die dem Format nicht gerecht wurden.

Der Popstar

Ebenfalls vor Hotel-Balkonen, aber im kalifornischen Los Angeles, trat in der Silvesternacht Teenie-Idol Justin Bieber auf. Der Start seines Konzerts wurde dabei von technischen Problemen überschattet. Ein komplexer Anmeldeprozess und eine überforderte Streamingplattform führte nicht nur zu vielen verärgerten Fans in den sozialen Medien, sondern auch zu einem um eine halbe Stunde verspäteten Konzertbeginn.

Dabei hatte der Popstar durchaus technische Asse im Ärmel: Als die Zuschauer endlich eingeloggt waren, konnten diese selbst Regie spielen und aus verschiedenen Kameraeinstellungen die gewünschte Ansicht wählen. Auch die relativ dezent gehaltene und nicht stadionmässig wirkende Bühne liess die Produktion gleichermassen für den Bildschirm wie auch fürs Publikum vor Ort produziert wirken. Schade war da nur, dass der Sänger es unterliess die Zuschauenden in deren Wohnzimmer auch nur ein einziges Mal zu erwähnen oder direkt anzusprechen. Er wäre nahe dran gewesen, ein sehr stimmiges Streaming- und Live-Erlebnis zu schaffen.

Der Pionier

Nicht überraschend war es der dritte im Bunde, welcher aus seinem Online-Event das meiste herausgeholt hat. Der Franzose Jean-Michel Jarre war bereits in den 70er-Jahren Wegbereiter der elektronischen Musik und ist damit schon seit Jahrzehnten ein Vorreiter fürs Digitale.

Der Zugang zu seinem Konzert war kostenlos. Jarre spielte live und wurde dabei als Avatar in digitaler Form in eine virtuellen Nachbildung der Notre Dame gespiegelt. Die zuckenden Lichter und die digitalen 3D-Fahrten durch das beeindruckende Gebäude versetzten einen in eine Umgebung, welche ein Konzertbesuch in der Halle nicht bieten kann.

Wer wollte und dafür ausgerüstet war, konnte durch Virtual Reality noch tiefer in das Erlebnis eintauchen. So fand man sich selbst mitten in digitalen Kirche wieder, umgeben von anderen Besuchern, die in dieser von Bits und Bytes geschaffenen Umgebung nicht wie Menschen aussahen, sondern wahlweise die Gestalt von Bananen, Schlümpfen oder Fabelwesen annahmen. Wer mochte, konnte nicht nur zu Jarres Klängen zwischen den hohen Säulen umhergehen, sondern auch auf Knopfdruck tanzen, jubeln, klatschen oder sich auch ganz real mit anderen via Mikrofon und Kopfhörer unterhalten.

Etwas gar echt wurde dieser Effekt dadurch, dass man die Gespräche anderer mithören konnte, wenn man sich in deren Nähe bewegte. Wie im echten Leben mochte dies das Konzerterlebnis beeinträchtigen. Zudem war die VR-Welt einfacher gehalten als das Erlebnis in reiner Videoform, was natürlich der enormen Rechenleistung gefordert ist, die für eine solche 3D-Liveumsetzung verlangt wird.

Den grössten Genuss in jener Silvesternacht fanden wir daher zurück auf YouTube, im Livestream der fantastisch anmutenden Welten Jean-Michel Jarres.

Die Zukunft hat noch Potential – in jederlei Hinsicht

Die drei Konzerte haben gezeigt, dass man digitale Musikerlebnisse auf ganz unterschiedliche Weise angehen kann. Restlos überzeugt hat dabei noch keins.

Umsetzungen wie die von Kiss und Bieber, die nahe am klassischen Konzertfilm sind, brauchen noch verfeinerte Konzepte, welche den Fokus mehr auf das Publikum zuhause legen. Anspruchsvollere Umsetzungen, wie die von Jean-Michel Jarre, scheitern in letzter Konsequenz noch an den Limitierungen der aktuellen Technik. Sie könnten aber ihren Teil dazu beitragen, dass sich Virtual Reality nach vielen Jahren als Technologie mit Potential doch langsam in den Mainstream bewegt.

Die Tatsache, dass alle drei Auftritte ein Publikum nahe an oder über der Millionengrenze erreicht haben, zeigt, dass ein Markt vorhanden ist. Anstatt lange Tourneen könnten Stars zukünftig spektakuläre Online-Erlebnisse bieten und so mit weniger Aufwand einen grösseren Umsatz ereichen. Dabei besteht aber auch die Wahrscheinlichkeit, dass noch weniger Player als heute diesen Markt dominieren werden. Ein «The Winner Takes It All»-Szenario also, wie es in anderen digitalen Geschäftsmodellen auch geschehen ist – man denke dabei nur an die Marktkraft von Amazon, Google oder Facebook.

Offen bleibt, wie sich die vielen kleineren Künstlerinnen und Bands positionieren sollen, welche kein weltweites Publikum erreichen. Gut denkbar, dass deren Live-Auftritte im lokalen Club als Kontrast umso wertvoller und beliebter werden. Das wäre gar keine so schlechte Entwicklung, weder für die Künstler noch für den Konzertbesucher.

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