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Blog | 2. Januar 2021

Virtual Reality im Theater

In Onlineausstellungen von Kunstmuseen hat sich Virtual Reality längst etabliert. Im Theater ist sie allerdings noch ein relativ junges Phänomen. Die Theaterwissenschaftlerin Noëmi Lehmann hat für uns eine Virtual-Reality-Produktion des Staatstheaters Augsburg ausprobiert.

Noëmi Lehmann, was ist Virtual Reality genau? Worin unterscheidet sie sich von Augmented Reality?

Unter Augmented Reality, kurz AR, verstehen wir eine virtuelle Ergänzung zu einem real existierenden physischen Objekt oder einer Person. Immer öfter treffen wir AR zum Beispiel in Onlineshops an, um Kleidungstücke wie Schuhe oder Brillen mittels Kamera virtuell anzuprobieren. Oder wer mit seinem Smartphone auf Google beispielsweise nach einem Tyrannosaurus Rex sucht, kann sich diesen per Augmented Reality direkt ins eigene Wohnzimmer holen.

Während AR also sehr starken Bezug zu unserer realen Welt nimmt, spielt sich Virtual Reality, oder VR, gänzlich im digitalen Raum ab. Durch die Virtual-Reality-Brille, die man sich dazu anzieht, versinkt man in einer beliebigen anderen Welt.

Welche Vorteile bringt Virtual Reality dem Theater? 

Seit es Theater gibt, wurden immer neue Formen und Mittel erfunden, um das Bühnengeschehen noch eindrücklicher UND realer zu gestalten. In der Antike wurden beispielsweise Bühnenmaschinerien wie der Mechané erfunden, um das Publikum in Erstaunen zu versetzen. Das war ein Kran, durch welchen man geflügelte Wesen oder Götter erscheinen lassen konnten. Die Perspektivbühne der Renaissance sollte mit seiner realitätsnahen Wirkung überraschen.

Der heutige Einsatz von technischen Hilfsmitteln in der modernen Theaterkunst erweitert wiederum die Dimension des Betrachters. Virtual Reality bietet als Theatermittel grenzenlose Möglichkeiten für die Erschaffung einer neuen Bühnenrealität.

Gibt es VR-Theater bereits heute?

Ja, einige grössere Theaterhäusern sind seit längerem bestrebt, VR in ihren regulären Theaterbetrieb aufzunehmen. Besondere Erwähnung aufgrund seiner führenden Rolle in diesen Entwicklungen verdient das National Theatre of London. Es hat eigens zu diesem Zweck ein Immersive Storytelling Studio etabliert. Das VR-Musicalprojekt «All Kinds of Limbo» wurde in der internationalen Presse rege diskutiert.

Aber auch die Royal Shakespeare Company aus Stratford-upon-Avon hat fünfzehn Experten aus den Bereichen der Kunst, Videoproduktion, Gaming und Forschung versammelt, um immersive Formate einer Liveperformance zu entwickeln.

Ich denke und hoffe fest, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis die technischen Entwicklungen soweit fortgeschritten sind, dass VR-Brillen von jedem zu erschwinglichen Preisen bezogen werden können. Dann können Theaterhäuser VR-Produktionen fix ins reguläre Angebot aufnehmen. Einige innovative Theaterhäuser, wie beispielsweise das Staatstheater Ausburg, tun dies übrigens bereits heute. 

Du hast dich auf das virtuelle Theater-Erlebnis «shifting_perspective» des Theater Augusburgs eingelassen. Wie war das?

«shifting_perspectives» war eine aussergewöhnliche Erfahrung. Die VR-Brille einmal festgezurrt, befand ich mich sogleich auf einer grossen Bühne wieder. Im Rücken einer Tänzerin stehend und vom Bühnenlicht beinahe geblendet, blickte ich in einen grossen dunklen Publikumsraum, als die Tänzerin vor mir sich langsam zu bewegen begann. 

Sie drehte sich zuerst um ihre eigene Achse, dann um meine. Ihre Füsse und Arme bewegten sich flüssig, sie beinahe zu schweben. Als sie nach einigen Minuten wie ein Geist in den Kulissen entschwand, löste ein nächster Tänzer ihre Performance ab.

Ich drehte mich mit den herumwirbelnden Körpern mit, verfolgte deren Bewegungen mit Augen und Füssen. Eine spannende Sache, wie der Choreograf mich so trotz physischer Distanz unmittelbar ins Geschehen einbezieht und sogar «mittanzen» lässt.

Was denkst du: Hat VR-Theater Zukunft?

Ja, ich bin überzeugt, dass VR in der Zukunft im Theater mitspielen wird. Bereits heute lassen sich mit einer relativ preiswerten 360°-Kamera interessante Effekte erzielen. Allerdings ist es wohl noch zu früh, um sagen zu können, in welchem Ausmass VR integriert werden wird. Wir stehen noch ganz am Anfang dieser Entwicklungen.

Noëmi Lehmann, Theaterwissenschaftlerin und Literaturbloggerin

Ein Fazit des Festivalleiters

Die Zeit ist reif für digitale Kultur

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